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Warum der Schöpfer des Zuger Steuerparadieses für  die CIA arbeitete
  • Politik
Georg Stucky im Jahr 1995. (Bild: Stefano Schroeter / AURA)

FDP-Politiker Stucky 24 Jahre Crypto-Verwaltungsrat Warum der Schöpfer des Zuger Steuerparadieses für die CIA arbeitete

7 min Lesezeit 2 Kommentare 28.06.2020, 19:15 Uhr

Georg Stucky hatte eigentlich schon alles im Leben erreicht, als er Verwaltungsrat der Crypto AG in Steinhausen wurde: Landammann, Regierungsrat, Nationalrat, Grossverdiener. Was bewog ihn dazu, trotz Spionageverdacht für fremde Mächte bei der Firma zu bleiben?

Georg Stucky, langjähriger Verwaltungsrat der Crypto AG in Steinhausen, hat gewusst, dass die Verschlüsselungsfirma den Amerikanern für nachrichtendienstliche Zwecke diente. Dies sagt der Journalist Res Strehle, der, gestützt auf den Minerva-Bericht der CIA, ein neues Buch zur Affäre veröffentlichen will (zentralplus berichtete).

Die Frage, warum Stucky zur Crypto AG kam und warum er dort 24 Jahre bis ins sehr hohe Alter als Verwaltungsrat amtete, obwohl er mutmasslich wusste, dass er so der CIA zuarbeitete, ist damit nicht beantwortet.

Mit 62 Jahren neue Aufgabe übernommen

Denn als der langjährige Regierungsrat und Nationalrat 1992 das Mandat der Crypto AG annahm, hatte er bereits eine lange Karriere hinter sich und wäre als 62-Jähriger wohl nicht auf das Sitzungsgeld angewiesen gewesen.

Da Stucky, mittlerweile 89-jährig, als Auskunftsperson selber aus gesundheitlichen Gründen nicht zur Verfügung steht, bleibt nichts anderes übrig, als die Hintergründe anhand von Archivmaterialien zu rekonstruieren.

Aus der engen Heimat in die weite Welt

Georg Stucky wurde 1930 als Sohn eines reformierten Pfarrers in Basel geboren, die Familie zog danach in den Kanton Zug. Das Elternhaus brachte weltläufige Kinder hervor. Georgs älterer Bruder Fritz Stucky wurde Architekt, studierte in den USA bei Frank Lloyd Wright und erlangte Bekanntheit als Pionier des industriellen Bauens.

Georg Stucky indes studierte in Zürich, Berlin und Basel Rechtswissenschaften und arbeitete als junger Mann bis 1967 in Nordafrika in der Ölindustrie. 1971 wurde er Geschäftsführer der Schweizerischen Erdölvereinigung. Der in Baar wohnhafte Stucky wurde Mitglied des Kirchenrats und ab 1974 für kurze Zeit auch Präsident der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde des Kantons Zug. Sein Einstieg in die Parteipolitik führte im Herbst 1974 zur Wahl in den Zuger Regierungsrat. Von 1975 bis 1989 war er freisinniger Finanzdirektor und schuf das Zuger Steuerparadies.

Neunmal die Steuern gesenkt

In seiner Amtszeit senkte Stucky nicht weniger als neunmal die Steuern. Dass diese im Kanton Zug bis zum heutigen Tag immer nur eine Richtung kennen – nämlich nach unten – ist wesentlich Georg Stuckys Verdienst. Er etablierte eine vom Parlament gestützte Tradition des Steuersenkens.

In den Medienberichten aus der Zeit als Finanzdirektor erscheint Stucky als sportlicher, agiler und stets braungebrannter Mann, der sich auch gern mit Kletterseil bei einer Bergtour ablichten liess. In einem Interview mit dem «Zuger Tagblatt» sagte Stucky im Jahr 1982, Geld sei ihm eigentlich gar nicht so wichtig. Ihn interessierten mehr die Gestaltungsmöglichkeiten.

Jagd auf lukrative Mandate

In den ersten zehn Jahren als Finanzdirektor scheint sich Stucky aufs Regieren konzentriert zu haben. Das änderte sich, nachdem er 1983/1984 Landammann gewesen war.

Stucky wurde Verwaltungsrat beim legendären Rohstoffhändler Marc Rich, den er auch in der Öffentlichkeit verteidigte. Und er begann neben seiner Regierungstätigkeit gewichtige Verwaltungsratsmandate anzuhäufen – neben demjenigen bei Marc Rich beispielsweise bei Danzas, Sika, der Metro Gruppe oder Hiag. Ende des Jahrzehnts vertrat er über 97 Milliarden Franken Aktienkapital. Das Interesse fürs Geld hatte beim Pfarrerssohn über den Geist gesiegt.

Bis 1990 war das Regieren ein Nebenamt

Den Zuger Linken gelang es, per Initiative das Vollamt für die Regierung durchzusetzen. Ab 1990 war es den Regierungsräten verboten, Nebenerwerbstätigkeiten in den Verwaltungsräten von Privatfirmen nachzugehen. Stucky zog sich aus dem Regierungsrat zurück und konzentrierte sich auf sein Mandat im Nationalrat, das er seit 1979 innehatte.

Stucky galt im Nationalrat als «Flügelstürmer des Wirtschaftsfreisinns» und wurde vom damaligen FDP-Präsidenten Franz Steinegger der «Stahlhelmfraktion» zugeordnet. Sein politisches Vermächtnis auf Bundesebene ist das Mehrwertsteuergesetz samt erster Verordnung.

Sein Vermächtnis: Ein kompliziertes Gesetz

Dieses Gesetz liess er als Kommissionspräsident ausserhalb der Bundesverwaltung entwerfen, weil ihm diese zu langsam und zu zögerlich bei der von grossen Firmen gewünschten Ablösung der Warenumsatzsteuer schien.

In der Praxis galten die Schweizer Mehrwertsteuerregeln lange als schwierig zu handhaben – was ebenso Stuckys Vermächtnis ist.

Daneben vertrat er viele typisch rechstfreisinnige Positionen, wenn nicht sogar Lobbyistenthemen im engen Sinn. So sträubte er sich 1995 in Bern unter anderem dagegen, dass Schmiergelder nicht mehr von der Steuer abgesetzt werden konnten.

Einer der Grossverdiener im Nationalrat

Stucky ist eine Persönlichkeit mit vielen Facetten. Im Kanton Zug engagierte er sich früh und hartnäckig für die Tieferlegung von Überlandstrommasten. Er war auch, so sagen Gewährsleute, für eine Temporeduktion auf der Autobahn zwischen Cham und Sihlbrugg.

In den 1990er-Jahren intensivierte Stucky seine Jagd auf einträgliche Verwaltungsratsmandate. Es kam etwa die Crypto AG hinzu, eine Firma des Rohstoff-Giganten Biliton Coal und später auch die Bank Leu. Laut «Beobachter» gehörte er zu jenen fünf Nationalräten mit den höchsten Einkünften. Diese Gruppe wurde von Christoph Blocher (SVP) angeführt; jeder Einzelne von ihnen verdiente mit seinen Interessensvertretungen geschätzt über eine halbe Million Franken.

Crypto schmückte sich mit Würdenträgern

Doch zurück zur Crypto AG, deren Verwaltungsrat Stucky von 1992 bis 2002 angehörte und den er 2002 bis 2016 präsidierte.

Die Verschlüsselungsfirma hatte sich bereits bei der Firmengründung durch Boris Hagelin bemüht, hoch respektierte Mitglieder der Zuger Gesellschaft zu gewinnen. Der erste Firmensitz lag an der Weidstrasse, am Hang des Zugerbergs, in allerbester Aussichtslage hoch über dem See. Dort residierte ein honoriger Anwalt.

Nachfolger von Philipp Schneider

Der erste Magistrat, den Crypto für sich gewinnen konnte, war Philipp Schneider, CVP-Kantonsrat, ein Vierteljahrhundert Zuger Stadtrat und von 1971 bis 1974 auch Zuger Stadtpräsident. Schneider war über 30 Jahre im Verwaltungsrat der Crypto AG. 1970, als in Steinhausen die Ära von BND und CIA begann, wurde Schneider Präsident.

Ihm folgte Walter A. Hegglin, ebenfalls CVP-Stapi, der zur Zeit der Affäre Bühler das Präsidium innehatte. Von den Geheimdienstverbindungen erfuhr Hegglin jedoch laut jüngsten Berichten erst im Nachgang der Affäre, 1994.

Damals sass auch Georg Stucky bereits zwei Jahre im Verwaltungsrat. Er war gewissermassen als Philipp Schneiders Nachfolger ins Gremium gekommen. Schneider, wie Stucky von Haus aus Anwalt, war 1988 bei Crypto ausgeschieden und starb 1994.

Antikommunismus als Antrieb?

Bleibt die Frage, warum Stucky bei der Crypto AG blieb, nachdem er mutmasslich erfahren hatte, dass sie der CIA gehörte. Die naheliegendste Antwort lautet: weil Stucky eingefleischter Antikommunist ist.

1986 machte er eine Parlamentarierreise nach Nicaragua mit, das damals von sandinistischen Revolutionären regiert wurde. Unter dem Titel «Utopie und Wirklichkeit» berichtete er in einem langen Leserbrief im «Zuger Tagblatt» ausführlich über die Mängel im mausarmen Land. Er verglich Sozialismus mit Faschismus und lobte die «Contras», die gegen die Sandinisten kämpften und seiner Ansicht nach keine bezahlten US-Söldner waren, sondern nicaraguanische Freiheitskämpfer.

Mieten in Zug «nicht überdurchschnittlich»

Bekannt ist, dass Georg Stucky Antisemitismus verabscheut. Aber mit anderen Formen des Rassismus hatte er weniger Probleme. So verteidigte er 1986 im Nationalrat öffentlich das Apartheid-Regime in Südafrika. Sein oft so scharfer Ton war milde. Besonders lobte er das Erziehungssystem, das die Weissen für die Schwarzen aufgebaut hatten.

Drei weitere Charakterzüge lassen sich ebenfalls feststellen. Erstens: Stucky hat kein Problem damit, das Offensichtliche abzustreiten. Als eine von der Zuger Regierung in Auftrag gegebene Studie zur Wirtschaftsentwicklung bereits 1988 zum Schluss kam, dass niedrige Steuern zu hohen Lebenshaltungskosten und hohen Mieten führen – die von den Linken kritisiert worden waren – behauptete Stucky einfach, das stimme nicht. Die Mieten seien «nicht überdurchschnittlich». Punkt.

20 Jahre als Nationalrat

Ausserdem kann Stucky Geheimnisse bewahren. So sagt der Minerva-Bericht, das Stucky 1994 vom wahren Zweck und der geheimdienstlichen Eigentümerschaft der Crypto AG in Kenntnis gesetzt wurde. Aber wenige Jahre später wurde mit Armin Huber jemand Crypto-Geschäftsführer, der laut Minerva-Bericht und Res Strehle bis zu seinem Ausscheiden aus der Firma nichts Sicheres über die CIA wusste.

Augenfällig ist weiter, dass Stucky Sitzleder hat. Viele Funktionen bekleidete er jahrzehntelang: als Verwaltungsrat bei Marc Rich oder Crypto, als Regierungsrat und schliesslich als Nationalrat. Im Letzteren sass er ganze 20 Jahre. Damit blockierte er auch die Karrierechancen der nächsten FDP-Generation und verhinderte, dass Nachfolgekandidaten aufgebaut wurden. Gut möglich, dass das gegenwärtige Personalproblem bei der Zuger FDP immer noch eine Spätfolge jener Zeit ist.

Ein Herz für Auslandschweizer

Übrigens hat Georg Stucky auch heute noch ein Mandat inne: Er ist Mitglied im Aufsichtsrat der Stiftung für die Auslandschweizer. Auch dort ist er seit 1992 dabei. Von 1998 bis 2007 war er gar Präsident der Organisation.

Ein bisschen ist der Geist der weiten Welt dem Baarer, der in den 1960er-Jahren Schweizer Honorarkonsul in Libyen war, immer noch geblieben.

Danksagung: Aufwändige Recherchen von Patrick Mühlefluh, Philipp Föhn und Daniel Brunner von doku-zug.ch haben zum Zustandekommen dieses Artikels beigetragen.

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2 Kommentare
  1. Hans Peter Roth, 29.06.2020, 02:30 Uhr

    Georg Stuckys Hauswein war ein edler Burgunder mit dem Namen „Nuit de Saint Georges“, von dem eine Flasche kaum unter 50 Franken zu haben ist. Die Namenswahl symbolisiert augenzwinkernd die Schattenseiten des unheiligen Pfarrersohns Georg, der wie ein anderer Pfarrersohn aus Herrliberg weit vom Weg der Nächstenliebe abgekommen ist.

    1. Irma Maria Mueller - geb.1950, 29.06.2020, 17:24 Uhr

      Nächstenliebe ist & war für den Pfarrerssohn stets ein grosses FREMDWORT ! Gemäss telefonischer Aussage seiner Ehefrau gegenüber der „Rundschau“ leidet der bald 100 jährige Mann an „grosser Vergesslichkeit“ was die Crypto usw. betrifft !

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